Die Ortschaft Võõpsu

EKR_0117Die Ortschaft Võõpsu liegt im Landkreis Põlva. Die Fläche der Ortschaft beträgt 1,17 km2, und laut Gemeinderegister leben hier 227 Menschen (Stand 01.08.2012). 107 Wohnhäuser sind das ganze Jahr über bewohnt (Stand 2006).

Gemäβ der Überlieferung hätten die Esten Võõpsu unter dem Namen Voosu gekannt (der damalige Name des Flusses Võhandu). Die Russen aber nannten den Ort Voobsuu, später wurde daraus Wõõbsu. Diesen Namen trug die Ortschaft bis 1924, dann begann man das Schriftbild Võõpsu zu gebrauchen.

Das Dorf Võõpsu wurde 1428 zum ersten Mal erwähnt. Darunter wurde ein Dorf in Setumaa jenseits des Flusses gemeint. Die archeologischen Funde aber beweisen, dass dieses Gebiet schon früher besiedelt war. Das Gebiet von Võõpsu hat eine wichtige Rolle während der Herrschaft des Bistums von Dorpat (Tartu) und des Fürstentums von Pleskau gespielt. Damals gab es hier Schutztürme aus Holz und einen Hafen. Võõpsu war ein Grenzdorf bis 1706.

Die Ortschaft Võõpsu, die diesseits des Flusses liegt, habe 1857 der Gutsherr von Räpina Sivers gegründet. Früher habe hier am Flussufer ein Wirtshaus gestanden, an dem Wagenzüge in Richtung Pleskau, Tartu, Võru und Riga vorbeifuhren. Hier waren auch Soldatenkasernen, die vermutlich aus der Zeit des Russisch-Schwedischen Krieges stammten. 1857 lieβ der Gutsherr das Land der Hoflage von Võõpsu in Parzellen aufteilen und verkaufte sie. Bei der Herausbildung des Straβennetzes in Võõpsu hat die Landstraβe von Räpina eine wichtige Rolle gespielt. Hier führte schon vor vielen Hunderten Jahren eine Handelsstraβe nach Pleskau vorbei. Võõpsu unterscheidet sich von anderen Ortschaften durch sein ordnungsgemäβes, schachbrettartiges Straβennetz, das mit peinlicher Pünktlichkeit angelegt ist. Die ersten Häuser in Võõpsu wurden auf 25 ha groβen unfruchtbaren Boden gebaut. Die ersten Einwohner waren hauptsächlich Hand- und Feldarbeiter, die auf den Gutshöfen und Gehöften der Umgebung ihr tägliches Brot verdienten. Am Jahrhundertwechsel gab es in Võõpsu schon 108 Wohnhäuser. 1911 lebten hier zirka 750 Leute.

An der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Võõpsu ein groβes Handelszentrum mit einem Hafen – bis zur Mündung des Flusses Võhandu blieben ein wenig mehr als 3 km. Der ganze Verkehr in dieser Gegend und Warenaustausch gingen über Võõpsu, den Fluss Võhandu und den Peipussee. Noch im Jahre 1923 passierten 8000 Reisende den Hafen, 700 Fähren brachten nach Võõpsu 1300 Tonnen Waren, sechs Mal mehr aber wurde weggebracht. (hauptsächlich Holz und Ziegelsteine). Die Ortschaft an der Mündung des Flusses Emajõgi hätte vor Einhundert Jahren eine Stadt werden können. Hier gab es über 20 Handelsunternehmen, unter ihnen drei Tee- und Wirtshäuser, mehrere Hutgeschäfte, zwei Friseurgeschäfte, Uhrmacher, Fotograf, Tischler, Schneider, zwei Bäcker, zwei Fleischer, Aznei- und Kosmetikgeschäft. Sieben Mal im Jahr fanden Jahrmärkte statt, der bekannteste von ihnen war der Nikolaus-Jahrmarkt im Dezember. Man fuhr nach Võõpsu, um Fisch und Tongeschirr zu kaufen. Am Ende des 19. Jahrhunderts wurde eine Lederfabrik, 1924 der Hafen erbaut und die Hauptstraβe mit Kopfsteinpflaster belegt. Zwischen Tartu und Võõpsu fuhren Fahrgastschiffe, Schleppkähne transportierten Waren nach Tartu und Pleskau, es gab ein reges Gessellschaftsleben…

Diese Zeit wird von Richard Roht im Roman „Elutee” (Lebensweg) (1938) beschrieben. Aus Võõpsu wanderten die Setus mit ihren Tonschüsseln über das halbe Estland.

Spätestens im Jahre 1872 gab es in Võõpsu eine Gemeindeschule. Acht Jahre später gab es in der Schule 19 Schüler. An zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts arbeitete in Võõpsu neben der Gemeindeschule auch die von Ida Asson gegründete Privatschule für Mädchen. In ihrem Brief an den Volksbildungsinspektor des Bezirks Võru schreibt sie über ihren Wunsch, die Schule am 15. Oktober 1901 zu eröffnen. Zusätzlich teilt sie mit, dass alles, was das Schulhaus, die Beleuchtung und Heizung, ebenso die Hilfsgelder betrifft, mit Beteiligten geregelt sei. Der Unterricht sollte in einem Klassenraum in drei Gruppen (nach dem Alter) durchgeführt werden; das Schuljahr dauerte vom 15. September bis zum 15. Mai; aufgenommen wurden die Mädchen bis 14 Jahre; die Zahl der Schäler betrug 40. Als Schulhaus wurde das Haus neben dem Gutsgebäude von Võõpsu benutzt, das heute verfallen ist. Gelernt wurde in der russischen Sprache.

1938, als eine Verwaltungsreform durchgeführt wurde, erlitt Võõpsu eine Niederlage, und musste die Hoffnung, sich zu einer Stadt zu entwickeln, aufgeben. Die Bedeutung des Hafens wurde immer kleiner und viele Menschen wurden arbeitslos. Den härtesten Schlag erlitt Võõpsu am 12. Mai 1939 durch einen Brand: 31 Wohnhäuser und 47 Nebengebäude an der Aia- und Räpinastraβe brannten nieder, unter ihnen auch das Haus, in dem sich die Gesellschaftsräume und die Bücherrei befanden, insgesamt mehr als ein Viertel der ganzen Siedlung. Dieses Ereignis wirkte auf Võõpsu als eine starke Entwicklungsbremse. Im Herbst 1944, als hier schwere Schlachten stattfanden, brannten viele Häuser in der Veskistraβe nieder.

1946 wurde zwischen dem Dorf und der Ortschaft eine auf Pfosten stehende Holzbrücke gebaut und der Fährenverbindung ein Ende gesetzt. Nach dem Krieg machte man dasselbe mit dem Schiffverkehr, die letzten Fahrgastschiffe passierten den Hafen von Võõpsu im Jahre 1950. Eine neue Betonbrücke wurde 1968 gebaut (2001 wurde rekonstruiert), die Strecke, die bis zur Brücke führt, ist die gröβte Veränderung im Straβennetz der Siedlung. In der Sowjetzeit war Võõpsu eine Arbeitersiedlung, wo sich mehrere Produktionseinheiten des Sowchos-Technikums Räpina und ein wichtiges Fischfangzentrum befanden.

Einmal hätte Võõpsu zu einer Stadt entwickeln können, aber das Schicksal wollte es anders. Võõpsu ist heute ein Ort, wo es doch etwas Sehenswertes gibt: ein ordnungsgemäβes Straβennetz mit Kopfpflastersteinen bedeckten Straβen, Gebäude aus den 1930er Jahren, St.-Nikolaus-Kirche, das ehemalige Hafengebiet… Die Besucher können sich an Sommerfesten und Jahrmärkten erfreuen, die auf dem Platz vor der Spritzenscheune stattfinden. In Võõpsu gibt es ein Gemischtwarengeschäft und eine Bibliothek.

In der Ortodoxen-Kirche von Võõpsu befinden sich die Ikone „Heiliger Gennadius” und „Geburt der Gottesmutter”, die als Kunstdenkmäler besonderer Bedeutung unter Schutz stehen (Holz, Öl, 18. Jh.).

Hierzulande wurden Literatukritiker und Autor vieler wissenschaftlichen UntersuchungenDaniel Palgi und Schauspielerin Olli Ungvere geboren. In Võõpsu war das Sommerhaus von Voldemar Panso.

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